SBF-Prüfung See

Zu Fuß auf dem Weg zur Prüfung. Da weiß man schon, warum es „Morgengrauen“ heißt.

29.04.2017
Es ist soweit, die Prüfung steht an. Heute sollen wir in Theorie und Praxis zeigen, dass wir den Lappen verdient haben. Meine Güte, bin ich aufgeregt. Aber wie immer, wenn so etwas ansteht, habe ich mich seeeehr umfangreich vorbereitet. Habe etwas Proviant eingepackt, weil der Tag sicher lang wird. Habe warme Sachen angezogen, weil man ja doch eine Zeit draußen herumstehen wird, bis man dran ist. Und habe mir vorher überlegt, wo ich am besten mein Auto hinstellen soll.

Die Sache ist nämlich die: Theorie und Praxis finden zwar nah beieinander statt, aber ein knapper Kilometer ist schon dazwischen. Am Hafenbecken kann man morgens problemlos einen kostenlosen Parkplatz für den Tag finden; vormittags, wenn alle anderen aus der Theorieprüfung auch Richtung Hafen streben, aber vermutlich nicht mehr. Also parke ich am Hafenbecken und laufe durch die angenehm kühle Morgenluft rüber zu der sehr, sehr rustikalen Kneipe, in der die Theorie stattfindet. Und bin vermutlich mal wieder der einzige gewesen, der sich über so einen Quatsch nen Kopf gemacht hat.

Theorieprüfung

08:00 Uhr, los geht’s. Wir werden freundlich vom Prüfungsausschuss begrüßt und dürfen loslegen. Die anfängliche Nervosität legt sich schnell. Ich bin eben gut vorbereitet. Der Fragebogen ist ratzfatz ausgefüllt. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber länger als zehn Minuten inklusive noch einmal drüberschauen hat es bestimmt nicht gedauert. Und bei keiner Frage hatte ich auch nur den Hauch eines Zweifels oder musste überlegen. Ein gutes Gefühl, das mir Kraft gibt für die nächste Herausforderung: Die Naviaufgabe.

Es gibt bei den 15 möglichen Kartenstücken genau zwei, die ich nicht so richtig leiden kann, weil bei deren Rechenaufgaben ziemlich krumme Zahlen herauskommen. Die habe ich aus genau diesem Grunde besonders geübt und -wer sagt es denn?- eins von den beiden ist dann auch genau das, das ich jetzt bearbeiten darf. Kartenaufgabe Nummer 7. Also frisch drauf los. Immer schön sauber arbeiten, alles noch mal auf Plausibilität prüfen… fertig. Jetzt bloß keine Fehler mehr reinkorrigieren, sondern -nur Mut- abgeben. Fast zeitgleich gibt ein anderer Teilnehmer meines Kurses ab. Unsere Blicke treffen sich: Beide haben offensichtlich ein gutes Gefühl. Zu meiner Überraschung sind wir von den knapp 40 Prüflingen im Saal mit Mühe und Not noch im ersten Drittel. Ich hatte uns für schneller gehalten, schließlich ist gerade die Hälfte der uns zustehenden 60 Minuten vergangen! Aber das Rätsel klärt sich schnell, die meisten anderen haben schon den SBF Binnen und mussten dadurch weniger Fragen beantworten. Unser Ergebnis erfahren wir übrigens hier natürlich noch nicht, da die Bögen erst noch korrigiert werden müssen.

Knoten

Draußen vor dem Prüfungssaal reihe ich mich in die Schlange der Leute ein, die noch ihre Knotenkünste vorführen müssen (das brauchen die Binneninhaber ja nicht mehr). Nach einer Weile bin ich dran und sitze einem etwas knurrigen Käpt’n gegenüber, der schon nach dem dritten Knoten, den ich wie aus der Pistole geschossen zu seiner Zufriedenheit produziere, ein augenzwinkerndes „ich habe das Gefühl Sie haben das geübt“ hören lässt. Er hat an meiner Tauwerkarbeit jedenfalls nichts zu meckern und so habe ich schnell einen Großteil der heutigen Prüfungen hinter mir… Nur noch so ein bisschen Boot fahren…

Die Gisel A beim Boje-über-Bord-Manöver

Praxis

Also mit dem Kurskollegen, der mich netterweise im Auto mitnimmt, wieder ab zum Hafenbecken. Dort müssen wir uns in der Reihenfolge unseres Erscheinens in eine Liste eintragen. Unsere Position in der Liste bestimmt dann die Bootsladung, mit der wir zu unserer Prüfungsfahrt aufbrechen. Für jede Gruppe stehen schon geschätzte Abfahrtszeiten dabei. Ui, das dauert noch ganz schön lange. Also gucken wir derweil den anderen Gruppen zu. Zwei Dinge fallen uns auf: Einerseits ist der Wind deutlich stärker als bei unseren letzten Fahrten und weht zudem noch aus der entgegengesetzten Richtung, andererseits muss fast jeder Teilnehmer einzelne Manöver wiederholen, am meisten das Anlegen (was sicher auch zum Teil mit dem Wind zu tun hat). Na, das kann ja heiter werden! Unsere Nervosität steigt und durch die vielen Wiederholungen dauert jede Prüfung länger als geschätzt, wodurch wir noch später drankommen.

Endlich naht die Zeit, wo „meine“ Bootsbesatzung fällig ist. Eine Gruppe ist noch vor uns dran, wir lungern aber schon einmal am Steg herum, weil wir auch langsam nichts mehr mit uns anzufangen wissen. Ich bereite mich seelisch darauf vor, in etwa 15 Minuten auf das Boot zu steigen und überlege gerade, dass ich wirklich vorher noch einmal auf die Toilette verschwinden sollte, da kommt auf einmal unser Praxisausbilder Dieter, der auch die Prüfungsfahrten organisiert, auf mich zu und winkt mich hektisch heran. Einer aus der Besatzung, die jetzt eigentlich dran ist, ist nicht auffindbar. Und da die Prüfungen eh schon hinterherhängen, will man keine Zeit verlieren. Also soll ich als Nachrücker einspringen. Na super, und das mit voller Blase! Aber andererseits habe ich es so schneller hinter mir. Also los.

Der Prüfer ist jung und gut gelaunt. Sehr schön. Während des Ablegens darf ich mir schon einmal mit einer schnellen Peilung die ersten Punkte verdienen. Danach habe ich erst einmal Pause, da in der Reihenfolge unseres Erscheinens gefahren wird. Bei den ersten läuft alles prima, es muss nur wenig wiederholt werden und auch dann bleibt der Prüfer freundlich und gibt sogar noch Tipps (beim Anlegen zum Beispiel). Er vermittelt das angenehme Gefühl, dass er wirklich nicht abgeneigt ist, uns bestehen zu lassen (im Rahmen der Möglichkeiten natürlich). Jedenfalls legt er es eindeutig nicht darauf an, Leute mit voller Absicht durchfallen zu lassen. Ich fasse neuen Mut.

Doch dann ist der letzte Fahrer vor mir dran. Holla, die Waldfee… Im Nachhinein erfahre ich, dass er während der Zeit zwischen dem Vorbereitungskurs und der Prüfung eine ganze Weile im Krankenhaus war und dadurch sowohl einen Teil der Praxis verpasst hat als auch nicht wirklich die Naviaufgaben üben konnte (so vom Bett aus). Das erklärt einiges. Von Manöver zu Manöver werden sowohl unsere als auch Dieters Gesichter immer länger. Er muss wirklich alles noch mal machen. Selbst das „auf dem kürzesten Weg zum neuen Kurs“ schlägt mehrfach fehl, er lenkt einfach immer wieder in die falsche Richtung und korrigiert dann erst. Wen das alles kaum beindruckt: Den Prüfer. Unglaublich, er bleibt relaxed und gut gelaunt, und lässt den Prüfling seine Fahrt beenden. Trotzdem hat keiner von uns Zweifel, dass das wohl nicht zum Bestehen gereicht hat.

Tja, und dann bin ich dran. Vom Prüfer kommt ein aufmunterndes „jetzt aber nicht mehr so viele Wiederholungen bitte, wir hängen dem Zeitplan hinterher“. Aber mit Augenzwinkern. Also los. Das Ablegen funktioniert prima, ebenso das Fahren nach Kompasskurs. Dann soll ich aufstoppen. Mach ich auch. Leider melde ich das Manöver schon als beendet, obwohl noch eingekuppelt ist. Vom Prüfer kommt nur ein schmunzelndes „Nö“. Kurz überlegt, ausgekuppelt und noch mal gemeldet. Jetzt kommt ein „japp“. Uff. Weiter auf Kompasskurs. Verdächtig ruhig da hinten. Warum fahren wir wohl so lange geradeaus ohne neues Kommando? Da! Gut zu hören, auf der Steuerbordseite ist eine Boje über Bord gefallen. Sofort danach kommt vom Prüfer „Boje über Bord an Backbord“. Ha, den Witz kenne ich schon, damit kriegst du mich nicht. Auch dieses Manöver läuft vorschriftsmäßig und nachdem ich noch meine Kenntnisse in Schallsignalen beweisen durfte, soll ich auch schon anlegen. Noch einmal durchatmen und rein in die Box. Hurra, es hat geklappt. Und als ich Dieter auch noch zum Prüfer sagen höre „joa, schöner hätte ich datt auch nicht hinbekommen“ da wächst in mir die Erkenntnis, dass ich wohl bestanden habe.

Sicher weiß ich das aber nicht, denn der Prüfer sagt keinen Ton dazu und verschwindet Richtung Theorieprüfungsort, um dort seine Zettel abzugeben. Es war nämlich die letzte Fahrt für ihn an diesem Tag, den Rest übernimmt: Der knurrige Käpt’n! Ich bin schon ein bisschen froh, dass ich ihm durch mein Aufrücken entgangen bin, obwohl er augenscheinlich schon ein netter Kerl ist und ich mit meiner gezeigten Performance wohl auch bei ihm durchgekommen wäre.
Die Prüfungsergebnisse sollen wir am Theorieprüfungsort erfahren. Also wieder zurück dorthin. Mehr Kilometer auf der Straße als auf dem Wasser an diesem Tag…

Dort geht aber alles ganz schnell. Man nennt seinen Namen und die einem zu Anfang zugeteilte Nummer und erfährt sofort, ob man bestanden hat. Ich habe! Bin ich froh… So froh, dass ich sogar vergesse zu fragen, mit wieviel Fehlern. Aber ist ja eigentlich auch egal.

Und: Sogar mein Vorgänger auf dem Boot, auf dessen Bestehen wohl niemand gewettet hätte, hat die Praxis bestanden. Nur bei der Theorie muss er noch einmal ran, die Navigation hat ihm das Genick gebrochen. Wir freuen uns trotzdem sehr für ihn, dass er zumindest die Praxis nicht wiederholen muss.

Zum Abschied weist der Prüfungsausschuss noch einmal freundlich auf die Spendenbüchse für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger hin, die von uns allem noch einmal gut gefüllt wird (immerhin gehören wir jetzt quasi zur „Risikogruppe“!) und gibt uns noch einen weisen Rat auf den Weg: „Ihr dürft jetzt aufs Wasser. Aber wenn ihr die ersten Male fahrt, dann nehmt mal jemanden mit, der das schon kann“. Japp, da hat er Recht. Viel mehr noch als der Autoführerschein ist der SBF See eigentlich mehr die Erlaubnis zum Weiterlernen.

Und das haben wir auch vor. Wenige Minuten später haben sich ein paar unserer Kursteilnehmer schon auf ein Datum für die Prüfung zum SBF Binnen geeinigt, den wir direkt nachschieben wollen. Knapp einen Monat haben wir Zeit zum Lernen. Das muss doch zu schaffen sein!

Weiter zur zweiten Lernphase.

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